Unser Platz

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Der kleine mir so vertraute See liegt ruhig vor mir. Die sanften Bewegungen des Wassers lassen das Spiegelbild der untergehenden Sonne tanzen. Es war ein schöner Tag. Nein, ich korrigiere mich. Es war ein sonniger Tag. Schön war er nicht.

Ich sitze auf einer alten zerfallenen Bank. Falsch. Ich bin älter als dieses Holzstück und sehe lang nicht so oll aus. Sie ist künstlich gealtert, wirkt schöner in einem Wald. Also sitze ich auf dieser alten, jungen Bank mit dem Blick auf den See.

Ab und an kommen vereinzelnd alte Leute und streitende Familien an mir vorbei. Die schiefhängenden Haussegen sind mir recht. Sie nehmen keine Notiz von mir, oder der Tatsache, dass ich sie sehr gut im Blick habe. Die älteren Herrschaften hingegen interessieren sich sehr für mich. Auffällig spazieren sie an mir vorbei und begutachten mich. Manch einer scheint verunsichert, gar ängstlich schneller an mir vorbei zu schleichen. Ihre Blicke verraten mir, dass sie das Bild von mir verstört. Asozial. Ich sitze allein am Abend im Wald auf einer künstlich gealterten Bank und rauche. Wäre ich alt, würde ich wohl auch denken, dass ich ziemlich asozial aussehe. Um ehrlich zu sein, als ich an einer Gruppe junger Menschen, vorbei kam,  die ebenfalls nur am Wasser saßen und tranken, dachte ich dasselbe. Ich glaube, ich werde mal eine gute alte Frau. Grimmig dreinschauend, gefüllt mit Vorurteilen bis oben hin. Die Jugend heutzutage.

Jetzt allerdings bin ich diese Jugend. Und diese spezielle Jugend ist nicht asozial, sie ist traurig. Ich bin traurig. Und wenn ich traurig bin, rauche ich. Und wenn ich besonders traurig bin, rauche ich eben an unserem Platz. Uns, der Grund meiner Trauer.

Ich weine nicht, weil ich rauche. Beides verträgt sich nicht. Wie wir. Du weinst, ich rauche. Wir tun uns beide schwer aufzuhören.

Obwohl heut ein warmer Tag war, friere ich. Die Hand, die wacker den Stift auf dem Papier tanzen lässt, ist ausgekühlt. Ich spüre es und doch wieder nicht. Gänsehaut hat es sich auf meinem Körper gemütlich gemacht, so wie auch ein paar aufdringliche Mücken. Ich spüre es nicht.

Ein junger Jogger läuft bereits zum dritten Mal an mir vorbei. Er ist schnell, dreht seine Runden um den See in kürzester Zeit. Der Schnellste ist er jedoch nicht. Schneller, viel schneller rasen meine Gedanken. Kaum greifbar kollidieren sie immer wieder mit meinen Gefühlen. Ein gewaltiges Chaos, aus dem ich mich gern entziehen würde.

Ob ein Gehirn wohl auch überhitzen kann? Vielleicht werde ich es im Laufe dieser Nacht noch in Erfahrung bringen.

Die Sonne wirft immer bedachter ihre letzten, kostbaren Strahlen auf die hohen Bäume. Ihre volle Wärme gilt nun einer hochgewachsenen Trauerweide. Sie lässt mich an dich denken. Ob du noch immer weinst? Ich habe aufgehört zu rauchen. Vielleicht ist das unsere Chance. Vielleicht rauchst du gerade. Vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht fange ich gleich an zu weinen.

 

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